Am 8.November veröffentlichte out-law einen Bericht über eine Studie von uservision mit dem Titel »Disabled web users rank their usability priorities«. Der Artikel kommt zum Fazit, dass einige der üblicherweise als wichtig betrachteten Accessability-Hilfen – wie zum Beispiel Alt-Tags – an Bedeutung verloren haben und allgemeinere Usability-Faktoren wie Sitemaps oder Suchfunktionen wichtiger werden. Artikel und Fazit werden momentan häufig zitiert, leider ohne dass dabei die verwendete Methodik hinterfragt wird. Leider, weil dieser Schluss aufgrund von methodischen Fehlern nicht haltbar ist.
Die Studie untersucht 208 Internetbenutzer, deren Behinderung Einfluss ausübt auf Ihr Surf-Verhalten. Die Stichprobe umfasst :
Die genaue zahlenmäßige Aufteilung wird nicht genannt.
Die Teilnehmer sollten die Wichtigkeit von Accessability-Hilfen auf einer Ranking-Skala bewerten, von »very important« bis »not important at all«. Die überraschenden Ergebnisse:
Im Gegensatz zu den Autoren des Artikels bei out-law überrascht mich das eigentlich nicht. Mich überrascht eher, dass so viele den Alt-Tag für wichtig halten.
Zu 1. Wofür ist der Alt-Tag gedacht bzw. wem hilft er? Er soll Benutzern von Screenreadern das Leben erleichtern, nicht Hör- oder Körperbehinderten – die können sehen und brauchen ihn nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass die Behinderungen einigermaßen gleich über die Stichprobe verteilt sind (was leider nicht mitgeteilt wird), dann benötigen den Alt-Tag maximal 25% der Stichprobe. Warum bewerten trotzdem 33% den Alt-Tag als wichtig?
Zu 2. 25% der Sehbehinderten finden den Alt-Tag überflüssig (nach meiner Schätzung hier also ca. 6-7% der Gesamtstichprobe). Lassen Sie mich raten: Können das die Sehbehinderten sein, die keinen Screenreader benutzen sondern Seh-Hilfen? Die brauchen den Alt-Tag in der Tat nicht ...
Wie also kommt die Schlussfolgerung zustande, der Alt-Tag würde unwichtig? Ganz einfach: Man ziehe einen Mittelwert.
Ein Treppenwitz der Statistik: Man nehme einen Armen und einen Millionär und ziehe den Mittelwert. Wozu noch Sozialhilfe? Sie haben doch beide 500.000.
Für die Blinden bleibt der Alt-Tag so wichtig wie eh und je – wenn man sie natürlich statistisch (r)ausmittelt, bekommt man jedes beliebige Ergebnis.
Die Teilnehmer sollten eine Rangordnung erstellen, welche Web-Features ihnen am wichtigsten und welche am ärgerlichsten sind. Als Ergebnis ergibt sich folgende Rangordnung:
Die üblichen Accessability-Features fehlen, dafür erscheinen traditionelle Usability-Faktoren. Ist das wirklich überraschend?
Betrachten wir nochmals die Zusammensetzung der Stichprobe:
Aus dieser Zusammensetzung der Stichprobe resultiert, dass alle Anforderungen, die nur eine Gruppe stellt, mit max. 25% gewichtet werden und damit automatisch ans Ende der Rangliste fallen. Alle Punkte dagegen, die von allen Gruppen gemeinsam genannt werden – und zwar unabhängig vom tatsächlichen Stellenwert – werden automatisch an die Spitze rücken. Die Diktatur des Mittelwertes.
Erstaunlich ist allenfalls der hohe Stellenwert, der trotz dieses nivellierenden Mechanismus' den Zoomfunktionen beigemessen wird. Da dieses Feature von Blinden nicht benötigt wird, wird es offensichtlich auch (oder vielleicht sogar vor allem?) von vielen der normalsichtigen Teilnehmer für wichtig gehalten.
Aus den Ergebnissen dieser Studie lässt sich also nicht schließen, dass traditionelle Accessability-Hilfen weniger Bedeutung bekommen zugunsten allgemeiner Usability-Kriterien. Das Ergebnis ist ein Artefakt fehlerhafter Forschungsmethoden bzw. unzulässiger Mittelwertbildungen. Jede Behinderung erfordert ihre besonderen Accessability-Hilfen, und mit dem Durchschnitt aus vier völlig verschiedenen Behinderungen ist wohl niemand wirklich geholfen.
»Manche benutzen die Statistik, wie der Betrunkene die Straßenlaterne: zum Festhalten, nicht zur Erleuchtung!« (Urheber unbekannt, gefunden bei wikipedia. )
Ein schönes Lehrbeispiel, wie durch falsche Aggregation von Daten Fehlschlüsse entstehen, findet sich im Xenophobie-Beispiel in »Denkfallen und Paradoxa« von Timm Grams. Der Fehler ist klassisch und weit verbreitet.
Auf das Stichprobenproblem geht Chr. Caspari. in seinem Artikel »Statistiken« sehr gut ein. Insbesondere der Abschnitt ab Bei vielen Fragestellungen ist allerdings eine repräsentative Umfrage überhaupt nicht sinnvoll … passt sehr gut.
Von Peter am 11.11 um 20:10 Uhr. Kategorie: HTML-CSS | Barrierefreiheit | Netzwelt
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Welche Funktionen sollte eine Website für sehbehinderte Internetnutzer besitzen?
Erst kürzlich hat die Agentur User Vision 208 sehbehinderte Internetbenutzer gefragt welche die Top 5 der nützlichen Funktionen sind. Jörg Petermann hat in seinem Weblog das ganze mal fürs deutsche Leser zusammengefasst. Auch der templaterie blo...Verlinkt von: Blog von Enrico Reinsdorf am 19. 11 2005